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Farbzusammenhänge gestalten - Gibt es Entscheidungskriterien? Dieser Text beruht zum größten Teil auf dem Artikel, der 2004 im Paletteverlag, Heft 2/2004,
erschienen ist. Einige mir wichtige Passagen habe ich verändert. Einiges ist aus meiner heutigen Sicht noch nicht genau genug beschrieben. www.Paletteverlag.de
(Die Abbildungen im Text zeigen Bilder meiner Kursteilnehmerinnen.)

Monika Niederjohann, o.T., Aquarell (Ausschnitt), 40 x 50 cm
Mit innerer Freiheit von Ton zu Ton gemischt.
In "Farbe 1" (p&z 1-04) habe ich die Fähigkeit, Farben ohne Umwege mischen zu können als notwendige Voraussetzung für künstlerisches Malen beschrieben. Mit dem Wissen, daß alle drei
"Grundfarben" zusammen gemischt Grau ergeben, haben wir verschiedene Farbenkreise analysiert. Die
alternative Frageweise mit der Begrifflichkeit der drei "Grundfarben" (Sieht das Rot eher gelblich oder
eher bläulich aus?) unterstützt die Genauigkeit des Hinsehens und die Klarheit der Unterscheidung. Wenn wir verstehen, wie Leuchtkraft erhalten bleibt und Trübung entsteht, wissen wir auch, wie wir
eine Farbe in die gewünschte Richtung verändern können.
Die Komplexität von Farbzusammenhängen
Sicher gibt es in Ihrem Kasten eine Farbe, von der Sie sagen, dass Sie sie nicht mögen. Tragen Sie genau
diese Farbe (vorher gesäubert) als ruhige, in sich geschlossene, kräftige Farbfläche auf weißes Papier auf.
Sie werden sich anschließend fragen, warum Sie diese Farbe nicht mochten. "Schwierig" werden Farben erst im Farbzusammenhang.
Kann ich im Vorhinein wissen, daß eine bestimmte Farbnuance, ihr Buntheitsgrad, ihre Reinheit oder Getrübtheit, ihre Transparenz oder pastose Dichte, ihre Intensität oder Sanftheit, ihr Hell-Dunkelwert,
ihre Kühle oder Wärme, für mein Bild an dieser Stelle die richtige Wahl ist? Kann ich im Voraus bedenken, in welchem Maß die Wirkung eines bestimmten Tones abhängig ist von der jeweiligen
Beschaffenheit der Nachbarfarben, von der besonderen Art einer Untermalung oder späteren Lasur, von seiner eigenen flächigen Ausdehnung und derjenigen der anderen Farben im Bild, von der Struktur
des Untergrundes und des Farbauftrages und ganz besonders von der Art des darauf fallenden Lichtes? Darüber hinaus zieht jede kleine Veränderung viele Konsequenzen nach sich. Die Komplexität ist
unendlich vielschichtig und beweglich. Gibt es Hilfen, mit ihr vorausschauend umzugehen?
Es gibt einen ersten, schlichten Umgang mit Farbe.
Kinder gehen häufig so vor: Sie mischen unbekümmert von einer Farbe zur anderen. So sind alle miteinander verwandt. Probieren Sie es selbst aus. Setzen Sie auf Ihre Palette die Töne (Tubenfarben), mit denen Sie sich
im Moment am wohlsten fühlen. Malen Sie aneinander gereihte Farbfelder oder einfache Verläufe, ohne Korrekturen und ohne etwas Besonderes zu wollen.  Anke Schmitz, o.T. Aquarell, 30 x 40 cm Beispiel für die unbekümmerte Form- und Farbfindung eines ersten Bildes im Kurs
Etwas ähnlich Unbekümmertes wie bei den Kindern erlebe ich bei Teilnehmer/innen, die zum ersten Mal in einen meiner Kurse kommen. Sie malen mutig wunderbare Bilder. Nach einem ersten Gespräch,
das ein Thema bei ihnen herauslocken konnte, genießen sie das Losgelassen-Sein, die Abwesenheit von Bevormundung, die Ermutigung, einfach zu tun und nur den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Frei in
der Wahl der Technik, ohne Anspruch von meiner Seite bringen sie unbekümmert ihr bisheriges Können ein, ohne mehr zu wollen.
Solche Bilder sind harmonisch, kraftvoll und gut. Man mag sie gerne und lange betrachten. Ihre Harmonie entwickelt sich über die Verwandtschaft der Farben und auch in der allen gemeinsamen
Trübung. Aber uns Erwachsenen gelingt so ein unbekümmertes Malen selten.
Die Bedeutung von Komplementärfarben
Erweitern wir unsere Wissensgrundlage und untersuchen wir, warum ein Malen mit Komplementär- farben eine gute Voraussetzung für harmonisch wirkende Farbzusammenhänge ist. Goethe
hob die Komplementärkontraste besonders heraus. Über sie lernen wir die gesamte Welt der Farben kennen. Wir erinnern uns: Rot, Gelb, Blau, als Idealfarben gedacht, bilden die Grundlage aller
farbigen Erscheinungsweisen. Im Farbenkreis setzen wir eine Farbe, z.B. Gelb als Farbfleck auf das Papier und mischen aus den beiden anderen den genauen Mischton Violett (gleichviel Rotwirkung,
gleichviel Blauwirkung). Dieses Farbenpaar Gelb - Violett (bzw. Rot - Grün und Blau - Orange) nennen wir komplementär. Zwei Farben "komplettieren", ergänzen sich wieder zu dem "Kompletten"
der drei Grundfarben. Die Gesamtheit aller Farben ist hier auf die kürzeste Formel gebracht. Ein Komplementärfarbenpaar repräsentiert, ich möchte sagen beinhaltet anschaulich die gesamte,
vollständige Farbenwelt. In der Philosophie wurde für Vollständigkeit im Sinne von "ganz sein" der
Begriff der Totalität geprägt. Totalität meint ein "Ganzes, das mehr ist, als die Summe seiner Teile". Totalität meint den inneren, lebendigen Zusammenhang.
Mischen Sie zwei Komplementärfarben (ein möglichst neutrales Gelb, ein möglichst neutrales,
leuchtendes Violett) mit vielen Zwischenstufen langsam zum Grau hin. Wenn Sie das mit den anderen Komplementärfarbenpaaren wiederholen, ein wenig spielerisch damit umgehen, werden
Sie einen differenzierten Einblick in Mischvorgänge und Farbzusammenhänge gewinnen.
Goethe interessierte an den Komplementärfarben aber noch mehr! Sobald wir eine Farbe sehen,
produziert unser Auge von sich aus, ohne unser aktives Wollen ein virtuelles Nachbild in der exakt
komplementären Farbe als anscheinend n o t w e n d i g e Ergänzung in Richtung auf Totalität. Hier
wird an einem einzelnen Sinnesorgan deutlich, was offensichtlich auf unser ganzes Menschsein zutrifft: Ein unwillkürliches Streben nach Vollständigkeit, nach Ganzheit scheint uns angeboren zu sein.
Diese erstaunliche, spontane Tätigkeit unseres Auges wird an den beiden Phänomenen, Sukzessiv- und Simultankontrast, die zur Zeit in allen Köpfen herumspuken, besonders deutlich. Wir sollten unsere
eigenen Erfahrungen mit ihnen machen und versuchen zu verstehen, was da wirklich vor sich geht.

Helga Zahn, o.T., Acryl, 50 x 60 cm
Dynamisch komplementäre Komposition
Der Sukzessivkontrast Bei diesem Phänomen erscheint zu der Farbfläche, die wir gerade aufmerksam betrachtet haben, mit
Zeitverzögerung vor unserem Auge die genaue Komplementärfarbe - eine von selbst entstehende virtuelle Ergänzung dessen, was wir sehen in Richtung auf Totalität.
Konkreter heißt das: Blicken wir ohne Verkrampfung auf eine isolierte, z. B. rote Fläche ein wenig neugierig, wie diese Farbe wirklich aussieht, so sehen wir allmählich so etwas wie einen hellen, leicht
türkis erscheinenden "Heiligenschein" um die Farbe herum. Oder: Schauen wir nach längerem Betrachten eines runden, rechteckigen oder gezackten Farbflecks auf eine weiße Fläche, so bildet sich
dort der Farbfleck in entsprechender Form als ein komplementäre heller Farbschimmer ab. Wir können auch einfach die Augen schließen - und das Nachbild erscheint. Wenn ich meinem Auge abwechselnd
gegensätzliche Farbalternativen anbiete, wird besonders deutlich, daß das langsam entstehende Nachbild immer die Färbung des Komplementärkontrastes annimmt: Ich blicke also zuerst auf einen
sehr gelblichen Rotton als Ausgangsfarbe und lasse das Nachbild sich entwickeln, danach betrachte ich einen stark bläulichen Rotton und warte. Je öfter ich das wiederhole, desto deutlicher werden die
Nachbilder in ihrer Unterschiedlichkeit. Das gelbliche Rot verleiht dem Farbschleier einen bläulichen Schimmer, das bläuliche Rot ruft einen gelblichen Schimmer hervor.
Nicht nur die Grundfarben, jede Farbe erzeugt ein komplementäres Nachbild. Je grauer die Ausgangs farbe im mittleren Bereich von Hell - Dunkel ist, desto schwächer in Farbe und Helligkeit wird das
Nachbild. Ein starker Hell-Dunkel-Kontrast ist besonders deutlich zu sehen.
Versuchsanordnung für einen Simultankontrast
Der Simultankontrast Der Simultankontrast beschreibt dasselbe Phänomen, aber nicht in Bezug auf eine einzelne, isolierte
Farbe, sondern in bezug auf Farbzusammenhänge und der gegenseitigen Überlagerung ihrer Nachbilder.
Konkreter: Zwei kleine Flächen gleicher Farbe sollen alleine dadurch, daß sie auf zwei verschieden-
farbigen größeren Flächen liegen, ihr Aussehen verändern und zwar möglichst deutlich. Das beruht auf
den Nachbildern der großen Flächen, die sich über die kleinen legen. Ich wähle ein möglichst neutrales Rot für die kleinen Flächen aus und frage mich: "Was also trübt dieses Rot am meisten und was hellt
es am meisten auf?"
Die Farbwahl für die linke große Farbfläche Der Rotton der kleinen Fläche würde durch eine hellrote Überlagerung (Überflutung) intensiviert. Ich
frage mich also, welcher Farbton in meinem Auge ein rotes Nachbild hervorruft. Grün fordert als komplementären Kontrast Rot. Grün muß also die umgebende Farbe sein. Soll das Nachbild
außerdem hell und gelblich wirken, müssen die Eigenschaften des umgebenden Grüns entgegengesetzt sein, also muß es dunkel und bläulich sein.
Die Farbwahl für die rechte große Farbfläche
Nun frage ich mich, welcher Farbton die kleine Rotfläche möglichst stumpf und dunkel macht. Ich weiß: Grün trübt Rot. Also muß ich nachdenken, welche Farbe in meinem Auge ein grünliches
Nachbild erzeugt. Ein roter Untergrund erzeugt als komplementäres Nachbild einen grünlichen Schimmer, der die kleine Rotfläche überlagert, also trübt. Ich wähle ein möglichst helles gelbliches Rot,
damit das Nachbild möglichst dunkel und bläulich wirkt. Durch die Aktivität unseres Auges erscheinen die beiden kleinen Flächen nach einiger Zeit sehr unterschiedlich, obwohl es sich um eine stofflich
identische Malfarbe bei gleicher Pigmentdichte handelt.
Richten Sie bitte Ihre Aufmerksamkeit nun auf die Stimmigkeit der gesamten Versuchsanordnung als
wäre sie ein Bild, obwohl sie gar keinen Anspruch auf Bildhaftigkeit erhebt. Die "Ungleichheit" der
kleinen Rotflächen, die erst durch optische Täuschung hervorgerufen wurde, hilft, das Ungleichgewicht der Farbuntergründe ein wenig auszubalancieren. Gleichzeitig bewirkt sie einen lebendigeren und
differenzierteren Gesamteindruck. Das ursprünglich spröde Nebeneinander der Versuchsanordnung wird durch die Aktivität unseres Auges in Richtung auf ein lebendiges, harmonisches Bildganzes verändert.
Einerseits hat uns dieses Sehexperiment gezeigt, wie unglaublich fein und genau in einem Farb- zusammenhang sich alles gegenseitig beeinflußt. Die Feinheit und Komplexität der Vorgänge ist so
groß, daß die Vorstellung, ich bräuchte nur mit Komplementärfarben zu malen und schon würde mein Bild harmonisch, in dieser Vereinfachung falsch wird. Eine bewusste Berücksichtigung solcher Vorgänge
während des Malens würde zu ständigem Stillstand führen. Andererseits können auch eine Beruhigung mitnehmen. Unser Auge wirkt von sich aus zugleich ausgleichend und belebend. Es unterstützt uns in
dem Bedürfnis, auch bei größter Lebendigkeit, den inneren Zusammenklang nicht zu verlieren. Es unterstützt unser Bedürfnis nach Totalität in der Form eines harmonischen Ganzen.
Ein objektives Regelwerk als "Generalschlüssel der Malerei", wie es sich Kandinsky für die Zukunft
erhofft hatte, kann dieses feine, vibrierende Netz gegenseitiger Beeinflussung nicht einfangen. Meist wird das Gelingen einer Gestaltung dem Genie, der Inspiration oder der Intuition zugeschrieben, also
einer Eigenschaft des Subjektes, nicht der Perfektion eines Regelwerks.
 Jutta Müller, o.T., Aquarell, 9,5 x 13,5 cm
Ein sicherer Umgang mit komplementären Farbkontrasten
Was Regeln leisten können Regeln wie der "Goldene Schnitt" oder der Satz: " Komplementärfarben fördern eine harmonische Bildwirkung" werden nicht von irgendwem erfunden. Sie sind aufgrund einer über Jahrtausende hinweg
bestehenden Beobachtung als Bedürfnis ästhetischer Empfindung, als immer wiederkehrendes Muster des menschlichen Gestaltungswillens von der Kunst abgelesen. Es sind offene Regeln. Sie dürfen nicht
mißverstanden werden als Naturgesetze mit Erfolgsgarantie. Wir alle haben diese Regeln in uns, aber wir haben verlernt, sie zu beachten. Wir trauen unserer eigenen Wahr-Nehmung nicht mehr. Sie wird
überlagert von unserem Bedürfnis nach Anerkennung, die wir durch Leistung und ganz besondere Bilder zu gewinnen suchen.
In meinen Kursen bin ich dazu übergegangen, meine Kritik zurückzuhalten und stattdessen z.B. zu fragen: "Wenn in diesem Bild eine Farbe nicht ganz passen würde, welche wäre das?" Zu 99 Prozent
wird die ungewollt störende Farbe ohne vorherige Überlegung sofort benannt, und das obwohl gerade dieses Bild mit besonderem Stolz gezeigt worden war. Eine solche heraus fallende Farbe ist fast immer
noch ganz zum Schluss als besonderer Kick ins Bild gesetzt worden. Die Sehnsucht nach Anerkennung hatte mal wieder Regie geführt.
Als Maler/innen sind wir ständig auch die Betrachter/innen unseres Bildes während es noch entsteht. Nicht unser Wissen über Farbe kann uns durch den Dschungel der Möglichkeiten führen, sondern die
Wechselwirkung zwischen unserem bewußt/unbewußt künstlerischen Handeln und den Rückmeldungen aus dem, was wir bisher zu Papier oder auf die Leinwand gebracht haben. Diese Rückmeldungen setzen
in uns einen Seismografen in Gang, der uns sagt, ob wir uns mit dem Gemalten im Einklang befinden. Wie können wir ihn deutlicher wahrnehmen?
Entscheidungskriterien für die Farbenwahl
Als Malerin will ich wissen, wie Kunst "funktioniert" und was sie mit mir und dem Menschsein zu
tun hat. Ich suche nach Sätzen, die mir helfen, das Gewirr von sinnlichem Reiz, Gefühl, Idee und bildlicher Vision zum Wesentlichen hin zu verbinden.
Ich fand das Wort Behagen als Kriterium für eine “richtige” Farbenwahl. Behagen nicht als oberflächliches
"Das gefällt mir!", sondern als tiefe Übereinstimmung mit meiner augenblicklichen Verfassung, mit meinem Thema und wie ich mit ihm umgehe. Behagen nimmt einen anderen Raum in mir ein und hat
einen anderen Ernst als die Beschreibungen "Das gefällt mir!", "Das finde ich schön!" Diese Sätze
finden allein durch die Augen Eingang in meinen Kopf. Es bleibt eine gewisse Distanz zum Objekt des Schönfindens. Solche Bekundungen sind leichter von außen zu beeinflussen. Die Empfindung, die dem Wort Behagen entspricht, strömt sofort durch den ganzen Körper und entspannt den Geist. "Behagen" bezeichnet
etwas Ganzheitliches, das in uns stattfindet.
Um dem Mißverständnis des nur wohligen Gesamtgefühls im Wort Behagen zu entgehen, drücke ich
dasselbe Empfinden des mir und meinem Thema Angemessen ein wenig anders aus. Ich frage mich: "Welche Farbe brauche ich an dieser Stelle, um mich mit meinem Thema und dem, was ich tue, in
Ordnung oder okay zu fühlen?” Dann weiß ich sofort und sicher, ob ein bestimmter Farbton mir im
Moment vielleicht zu flach ist und mich unzufrieden läßt, weil ich mich voller Energie fühle - oder ob er zu sehr nach vorne drängt und ich eher ein bißchen Ruhe brauche, weil ich abgespannt bin. Ich spüre
genau, welche Farbnuance meiner augenblicklichen Befindlichkeit und dem Thema entspricht, mich frei atmen läßt und mich nicht umbiegen will.
Aus Schwächen können Stärken werden
Wir möchten möglichst besondere Bilder malen und übersehen dabei, daß die Besonderheit schon in unserer Individualität vorhanden ist. Wir brauchen keine Besonderheiten zu erfinden. Es reicht, wenn
wir zu unseren eigenen stehen. Wenn ich nicht recht weiß, was ich machen will und wenig Energie für Farbe und Form habe, mich
diesem Zustand aber mit entsprechender Aufrichtigkeit stelle und meiner Unsicherheit nachspüre, dann werde ich vielleicht statt zum Pinsel, zum Buntstift greifen und wenigstens ein Strichlein neben
das andere setzen.

Ernie Bremkens, o.T. Aquarellstifte, 20 x 23 cm
Ohne viel Energie und ohne Besonderes zu wollen, einen sanften Farb- und Form-Rythmus gefunden
Ein ganzes Bild voller Nicht-wissen-was-Tun, Nicht-Farbe-bekennen-Wollen? Ich bin überzeugt,
daß viele Menschen von einem solchen Bild berührt werden. Sie treffen in ihm auf Vertrautes, was sie vielleicht nie gewagt haben, so in Ruhe stehen zu lassen. Seltsamerweise verschwindet bei solchem
Tun schon während des Malens die Unsicherheit, und es beginnt - auch für die Malerin selbst - erstaunlich zu werden, was da passiert. Auch ästhetisch wandelt sich die anfängliche Unsicherheit in
einen verhaltenen, natürlich lebendigen Rhythmus.
Alles was in uns ist, bricht sich irgendwie Bahn. Jedes Gefühl des Unbehagens, der Unstimmigkeit
bleibt unter der Oberfläche als störender Stressfaktor zurück, im Leben wie im Bild. Halten wir die Diskrepanz zwischen unterschwellig empfundener Realität und Beschönigung nicht mehr aus, wirkt
das im Endeffekt oft zerstörerisch.
Eine Schülerin malte immer zügig und kraftvoll, ein wenig ruppig und heißblütig, bis sie ins Stocken
geriet und anfing, in ihre energie-geladenen Bilder himmelblau und rosa zu lasieren. Dann dauerte es eine Weile, bis sie schließlich begann, alles zu zerstören. Am zweiten Tag des Workshops faßte ich
Mut, nahm sie zur Seite und fragte, ob sie zur Zeit viel mit Wut zu tun habe. "Da sagen Sie aber was,
Frau Kilian! Und dazu habe ich auch allen Grund!" Ich gab ihr die Aufgabe, im nächsten Bild nur ihrer Wut Ausdruck zu geben, keinem anderen Thema zu folgen. Das war das erste gute Bild: Knatschgelb
und Schwarz - mit breiter, machtvoller Pinselführung zu Papier gebracht. Es war schnell fertig. Es wurde nicht lange daran herumgepuzzelt. Die ganze Handlung war entschieden und klar.

Christel Gattinger-Kurth, o.T. Aquarell 19 x 22 cm Ruhige, kraftvolle Komposition in Moll-Tonart
Wenn ich mich frage, mit welchen Farben ich mich an einer bestimmten Stelle "in Ordnung", fühle,
dann komme ich zu ganz anderen Farben, als wenn ich im Kopf überlege, "was könnte hier passen?" Das Meiste läuft unbewusst und ohne Unterbrechung des Malflusses ab. Aber immer, wenn ich
während des Malens merke, daß sich meine Stirn kräuselt, werde ich mir selbst gegenüber aufmerksam und misstrauisch. Dann fällt mir auf, daß alles nur im Kopf passiert und ich mich besonders anstrenge,
mich bemühe, eine Norm (Regel) oder die Erwartung anderer zu erfüllen. Dann schüttle ich den Kopf, atme durch, entspanne meine Muskulatur und lasse meine Aufmerksamkeit eine Ebene tiefer in den
Brustraum sinken. Dort laufen andere Prozesse ab. Ich werde ruhiger und ernster. Ich kann dort spüren
mit welchem Farbton ich mich in Einklang fühle, welcher mich erfüllt und "in Ordnung" sein läßt. Wenn
ich in Einklang bin mit mir und dem, was ich tue, dann gebe ich nicht irgendetwas, sondern einen Teil von m i r auf das Papier. Seltsamer Weise sind das immer kleine Augenblicke des Glücks. Sie machen
mich freier, sicherer und unabhängiger von der Meinung anderer.
Vorankündigung: Farbe kann im Bild nie unabhängig von Form stehen. Immer stößt sie an Begrenzungen, an das Blattweiß,
den Rahmen, die nächste Farbe, geht in sie über, bildet Ränder, ist als große Fläche oder kleinteilig anwesend. "Finden der Form" erscheint im nächsten Heft (p&z 3/2004).
Die nächste Ausstellung mit Arbeiten von Adelheid Kilian (die gesamte Entwicklung) ist zu sehen im Kunstverein Jülich, im Hexenturm, Vernissage Fr. 25. Juni 2004, 19.00 Uhr. |